Ohne Titel - Mikrokosmos Flechte
Die Künstlerin entwickelte ein offenes, experimentelles Konzept, mit dem sie sich den Strukturen und Formen von Algen und Flechten annähern wollte. Ihr Ziel war es, die Eigenheiten dieser Naturmaterialien im Medium Glas sichtbar zu machen und damit eine neue Formensprache zu entwickeln. Dafür plante sie unter anderem Experimente mit Glaspulver und Glasgranulat. Außerdem beschäftigte sie die Frage, wie sich fotografische Verfahren auf Glas übertragen lassen, um neue Bildebenen im Flachglas entstehen zu lassen.
Ausgangspunkt ihrer Arbeit war nicht nur die Faszination für die Vielfalt und Fragilität dieser Lebensgemeinschaften, sondern auch das inhaltliche Potenzial, das Flechten und Algen in sich tragen. Sie strukturierte ihr Vorhaben in drei Bereiche: Recherche, Experimente am Ofen und die Entwicklung von Bildräumen. Zunächst sichtete sie ihre bisherigen Fundstücke, vertiefte sich in theoretische Recherchen und fertigte mikroskopische Fotografien an. Dabei offenbarte sich ihr die erstaunliche Formenvielfalt der Flechten.
Die Idee, diese Strukturen auf Flachglas zu übertragen, stellte sich im Verlauf des Stipendiums jedoch als problematisch heraus. Denn die fotografischen Abbildungen, mit ihrer Möglichkeit zur Abstraktion, erwiesen sich als geeigneter, um die Formenvielfalt wiederzugeben. Die Überlagerungen und Strukturen der Flechten waren so komplex, dass eine eindeutige gestalterische Entscheidung schwerfiel. Deshalb verlagerte sie ihre Experimente zunehmend auf den Umgang mit Glaspulver. Doch auch diese Arbeiten brachten nicht die erhoffte Bildsprache hervor und konnten die Faszination der fotografischen Aufnahmen nicht ersetzen.
So wurde das Stipendium zu einer Forschungsreise in den Mikrokosmos des Glases, die sie schließlich – ausgehend vom Mikrokosmos der Flechten – wieder auf direktem Wege zurück zur Fotografie führte.
New York Stipendium 2019
Während des Aufenthaltes in New York experimentierte die Künstlerin Andrea Flemming mit alten fotografischen Edeldruckverfahren. Über die Cyanotypie thematisierte sie Aufnahmefähigkeit, Distanz, Durchlässigkeit und Flüchtigkeit. Das direkte Arbeiten mit Licht wurde mit der Zeit selbst zum Thema. Es entstand eine Strecke experimenteller Bilder auf Blütenpapier zumeist im Format 76 x 56 cm. Parallel dazu arbeitete sie mit einer alten Polaroidkamera und begann ihre private Umgebung auf Licht- und Schattenstrukturen architektonischer Elemente zu untersuchen. Die verschiedenen Aufnahmen glichen einer oberflächlichen archäologischen Untersuchung. Das Verschwinden von Bildmotiven war Bestandteil der Aufnahme – eine Verbindung von Zeit und Raum.
Luminanz
Während ihres dreimonatigen Aufenthaltes in Wiepersdorf wandte sich Andrea Flemming einer neuen Idee zu, die ihre bisherigen Arbeitsweisen mit Verspiegelungen und Fotografie verbinden sollte. Inspiriert vom Licht der einzelnen Räume und Orte im Schloss entwickelte sie eine neue Technik in der Glasverarbeitung, die charakterisiert ist durch Fläche, Farbe und feinen Motiven zwischen Politur und Mattigkeit. Als Grundlage dafür verwendete die Künstlerin digitale Bilder, die sie auf Glas übertrug. Die Beschäftigung mit der Bearbeitung dieser digitalen Bildräume führte die Künstlerin zu einem neuen Grenzbereich zwischen Fläche und Körper. Die entstandenen Arbeiten veranschaulichen Bildräume, die mit Hilfe von Lichtreflexionen eine Fläche in ein dreidimensionales Objekt verwandeln. Es eröffnet sich ein Bild, welches über die klassischen Formen der Fotografie hinausgeht.
Zwei Werkgruppen: Mein Sein als Miniatur? und Schatten | Raum
Andrea Flemming hat sich während ihres
Stipendiums mit den unterschiedlichen Modalitäten von Räumen beschäftigt. Sie
setzt sich dabei mit Licht und Schatten, mit Bild und Abbild, mit Illusion und
Wirklichkeit auseinander und nutzt dazu alle zeitgenössischen Techniken wie
Fotografie, digitale Bildbearbeitung, Materialexperimente und Installation. Entstanden sind die Werkgruppen "Mein Sein als
Miniatur?" und "Schatten | Raum".
"Mein Sein als
Miniatur?": Bei dieser Werkgruppte interessierten die Künstlerin Löffel und Armaturen, die als
Gegenstände des täglichen Gebrauchs fähig sind, ihr Umfeld mit allen Abläufen
des Alltagsgeschehens widerzuspiegeln. "Als Gegenorte reflektieren sie
Verhaltensmuster. Auf Quadratmillimetern kann sich das Selbst erleben,
beobachten und sich ein bisschen selbstverliebt inszenieren. Das gesehene Bild wird zum
erlebten Bild und löst sich -selbstlebend- heraus. Gefangen und doch frei in
konvexen und konkaven Kurven schafft sich das Selbst einen eigenen imaginären
Ort und entweicht in den Bereich der Phantasie. Die Kamera fokussiert die
dargestellte Welt. Das Selbst wird verortet, ohne den Ort zu verlassen." (Andrea Flemming)
"Schatten | Raum" besteht aus sechs Aluminiumscheiben, die alle farbeloxiert sind, mit einer glatten, unfehlbaren Vorderseite. Die Rückseite zeigt die Schnittkanten und Grate des Arbeitens. Die Aluminiumscheiben
korrespondieren in ihrer Hängung so miteinander, dass ihre Zwischenräume eine
zweite Ebene von Raum ermöglichen. Die Grenze zwischen dem Diesseits des Raumes
und dem Jenseits des Schattens wird temporär aufgehoben und der Betrachter wird
in eine hybride Wirklichkeit entführt. „Die anscheinende Auflösung des
gewesenen Ortes, lässt sich durch die Form der Öffnungen in der sonst dichten
Oberfläche erahnen. Oberfläche und Öffnung sind nun Grenze und Schwelle, die
die Betrachtung in einer neuen, ungewohnten Situation verlangen: im
entstandenen Schattenraum. Der Ort im Dazwischen als Ereignisort, Erlebnisort
und Erfahrungsort, gibt Aufschluss über Sinn und Gehalt der Betrachtung. Es
erfolgt eine Verschiebung und Neuansiedlung des vertrauten Ortes, der nun
allgemeingültig viele Assoziationen für Raum frei lässt.“ (Andrea Flemming)
1976 in Sangerhausen geboren │ 2001 – 2008 Studium der Bildenden Künste an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle - Diplom Bildende Künste │ 2006 – 2007 Erasmusstipendiat an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel │ 2008 – 2010 Mitglied der AG Galerie salonfähig, Wächterhaus Halle (Saale) │ 2010 Förderpreis der Paul-Riebeck-Stiftung zu Halle an der Saale │ 2011 Ehrendiplom der Jutta Cuny-Franz Foundation und 2. Platz beim Valentine Rothe Preis, Bonn │ 2018 Landesstipendium Sachsen-Anhalt, Künstlerhaus Salzwedel │ 2019 Aufenthaltsstipendium Kunstarkaden Kempten sowie Stipendium für die Pilchuck Glass School in Seattle der Alexander Tutsek-Stiftung München │ lebt als freischaffende Künstlerin in Halle (Saale)
Links
www.andreaflemming.de



