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Identifikation und Abstand

Die Großmutter der Künstlerin war eine der letzten Frauen in Niedersachsen, die noch täglich eine Tracht trug – Zeichen der Identität, der Verwurzelung in einem Milieu, einer Region. Ein Brustschild, das Teil ihrer bäuerlichen Festtagstracht war, die so genannte Spange, befindet sich im Eigentum der Familie: Achteckig im Umriss, versehen mit den Initialen der Besitzerin, versilbert, vergoldet, mit Glassteinen reich verziert, erstmals getragen zur Konfirmation – ein Schmuckstück also, das eine Geschichte hat und mit Bedeutung aufgeladen ist, wie es einem heute kaum mehr begegnet. Es gehört in eine Zeit, in der es zumeist noch Sicherheit durch einen fest umgrenzten, klar vorgezeichneten Lebensentwurf gab, der selten infrage gestellt wurde. Christine Matthias’ Broschen, die in der Form auf dem Schmuck ihrer Großmutter basieren, repräsentieren eine völlig andere Realität – ihre eigene, zwei Generationen später: Ihre Brustschilde aus edlen und unedlen Materialien sind ohne Signen, die auf die Herkunft verweisen, sind beschädigt, die Zentren leer, manche davon sind lose übersponnen, überschrieben – Symbole für Lebensläufe, die selbst entworfen, selbst gestaltet werden wollen, Symbole für die scheinbare Macht alles werden, aber auch alles verlieren zu können, Symbole auch für die große Verlorenheit und Desorientiertheit wegen der schier unbegrenzten Wahlmöglichkeiten.

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