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nulla dies sine linea

Kein Tag ohne Linie, das war
das Ziel Michael Henschels während seines Stipendiums. Entstanden sind
Papierschnitte und Zeichnungen für eine größere Raumsituation. In allen
Arbeiten spielt das Thema Natur eine entscheidende Rolle: Zu sehen sind Fragmente
architektonischer Strukturen in ruinenartigem Zustand, zurückerobert von der Pflanzenwelt.
Die Flora als das unstillbar fortwirkende Prinzip des Lebens dominiert die
Szenerie und lässt keinen Zweifel, dass das Wirken des Menschen hier schon eine
Weile schweigt. Die Unbestimmtheit des Ortes lässt jedoch keine genaue
räumliche und zeitliche Einordnung zu. Das Papierschnittpanorama besteht aus Einzelbögen,
die es möglich machen, das entstehende Bild sukzessiv aufzubauen und flexibel
zu handhaben – auch dies spiegelt das Sujet Natur und dessen Wandelbarkeit
wider: die Installation kann sowohl schrumpfen als auch wachsen, um sich einer
bestimmten Raumsituation anzupassen. Zusätzlich zu den Papierschnitten entstanden
experimentelle, feine Bleistiftzeichnungen. Die ruhigen Szenerien richten ihren
Blick auf das Vergehende und den flüchtigen Moment, der Fokus liegt auch hier
meist auf abgebrochenen und vergangenen Architekturstrukturen, aber auch
intaktem Stadtraum.

„Zivilisation und Natur waren die Themen Michael Henschels
während seines Stipendiums: Der urbane Stadtraum flimmert in feinen
Beistiftzeichnungen durch zarte Häkchen, Striche, Kringel – Strukturen, die
sich in anderen Arbeiten verselbstständigen. Die intakte Architektur löst sich
auf – das zivile Bollwerk gegen die vital wuchernde Natur trägt im Entstehen
das Vergehen in sich. Abgrenzende Linien finden sich nur dort, wo Gebautes an
Natürliches grenzt. Die Binnenräume der Pflanzen bleiben zu großen Teilen weiß
und finden ihr gleichsam negatives Spiegelbild in den großen Papierschnitten.
Spannung entsteht hier durch den unbestimmten Binnenraum und seiner lesbaren
Kontur, durch Unbekanntes und damit Unheimliches im Kontrast zur klaren Linie.
Der Blick wird durch die Schwärze suggestiv in die Tiefe gezogen, nimmt
gefangen. Eine zeit- und ortlose Ruinenlandschaft wird von Wildwuchs
überwuchert – die Zurückdrängung des chaotisch-natürlichen durch den Menschen
ist gescheitert.“

Ines Janet Engelmann, Kuratorin der Stipendiatenausstellung „Follow the Lines!“

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