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Nur rückblickend komme ich weiter

Christine Matzke arbeitet an
der Nahtstelle zwischen Erinnerung und Geschichte. Ausgangspunkt ihrer
Zeichnungen sind Schwarz-Weiß-Fotografien, Dokumente und erzählte Geschichten,
auf die sie im Fundus ihrer eigenen Familie stößt. Dabei bewegt sich die
Künstlerin stets an der Grenze der Erinnerung, begegnet Leerstellen und nicht
dokumentierten Zeitabschnitten, an denen ihre künstlerische Arbeit ansetzt.
Gleich einem in Kunst übersetzten Gedächtnis stellen ihre Arbeiten neue
Verbindungen zwischen den überlieferten Fragmenten her. Immer wieder greift
Matzke dabei auf Interviews mit Zeitzeugen zurück. So entsteht zwischen
Recherche und Fiktion ein unscharfes Bild der Vergangenheit. Die Künstlerin
versteht die Arbeit am Bild nicht als kausalen Vorgang, sondern als beweglichen
und immer neuen Regeln unterworfenen Prozess, der sich im besten Fall nicht
zur Gänze entschlüsseln lässt. Häufig begleiten sie Ideen über Jahre und
tauchen in unterschiedlicher Gestalt immer aufs Neue in ihren Zeichnungen auf. Das
geeignete Medium für jenes Moment der Vagheit findet Matzke in der
Kohlezeichnung, die in der Reduzierung auf Schattierungen und Kontraste den
Stil der zugrundeliegenden Fotografien aufgreift.

„Wie
weit lässt sich die eigene Vergangenheit zurückverfolgen? Welcher abgelichtete
Moment zeigt den Ursprung des eigenen Familiengedächtnisses? Wo lässt sich
der Anfang der eigenen Geschichte finden? Eine Frage, die wie die
Künstlerin wohl jeden bewegt. Sie begab sich auf die Suche im Familienarchiv,
sichtete mit ihrer Großmutter Schwarz-Weiß-Fotografien, Dokumente, ließ sich
Vergangenes erzählen, spürte nach, wie sich Privates und der Gang der
Weltgeschichte verschränkten. Ihre Serie ist ein in Kunst übersetztes
Gedächtnis, das auf dem Pfad zwischen Gewusstem, verfälschter Erinnerung und
Vergessenem wandelt. Sind die Fotografien authentisch? Zeigen sie im
vordigitalen Zeitalter nur die Festtage der Vorfahren? Wie viel Wirklichkeit
zeigt ein von Amts wegen gefertigtes Passbild? Ein vages Bild der Vergangenheit
entsteht, ambivalent bleibt das Gefühl von Nähe und Distanz – kongenial
ausgedrückt in den auf Schattierungen und Kontraste reduzierten
Kohlezeichnungen.“

Ines Janet Engelmann, Kuratorin der Stipendiatenausstellung „Follow the Lines!“

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