originalverpackt
Ausgangspunkt des Stipendiums war ein Klappobjekt zum Thema Selbstporträt: ein Stück, das gleichermaßen Faltblatt und Kästchen ist und eine punzierte Silhouette enthält. Im Konzept zum Stipendium hatte die Schmuckkünstlerin viele Aspekte angerissen, die sich bei näherer Betrachtung als eigenständige Themen erwiesen. Die zentrale Herausforderung bestand darin, einen wirklich anderen Zugang zu finden. Sie hat sich mit Leerstellen und Negativformen beschäftigt, die etwas umhüllen und verpacken: Formen gesammelt, gebaut und in Silber montiert. Diese Aussparungen wirken wie zurückgebliebenes Verpackungsmaterial und lassen den Inhalt nur erahnen. Einzelne Formen hat die Schmuckkünstlerin mit Stegen verbunden, die ein Ganzes ergeben und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, einzelne Elemente herauszubrechen – ein Widerspruch, da die Aussparungen selbst durch Stege miteinander verbunden sind. In dieser Art sind zwei Anhänger entstanden. Parallel dazu hat sie große, kompakte Formen in einem Stück aufgezogen und ebenfalls Aussparungen für potenziellen Inhalt belassen. Die Frage nach dem Inhalt zieht sich durch die gesamte Arbeit der Künstlerin; vor diesem Hintergrund ist ihr formaler Ansatz zu verstehen. Die Schmuckkünstlerin beschäftigt sich mit gefäßartigen Formen und Behältnissen und macht das Aufbewahren, Verwahren und das Verpacken selbst zum Thema. Im Zentrum steht die Begeisterung für das kleinformatige Objekt. Diese Dinge stehen für sie in der Tradition von Taschenaltären und -reliquien, die mitgeführt und bei Bedarf geöffnet und betrachtet werden: Erinnerungsstücke, die der Selbstvergewisserung dienen. Relativ großformatige Silberreliefs hat die Schmuckkünstlerin schließlich zersägt und zu Hohlformen montiert, die sich wie Behältnisse verschließen und öffnen lassen. Die Anschnitte und verschiedenen Ansichten sind interessant und verändern das Gesamtwerk völlig. Die zweite Arbeit – ein reines Objekt, während die andere als Anhänger zu tragen ist – verlässt die winklige Grundform und erhält dadurch verschlossen etwas Figürliches, Körperliches. Im dritten Themenstrang sind schalenartige Formen entstanden, jeweils zwei Formen, die zusammengeklappt etwas verbergen. Hier hat sich die Schmuckkünstlerin mit dem Klassiker der Perlenkette auseinandergesetzt: In der ersten Arbeit lugt ein Strang Zuchtperlen hervor. Die Schalen lassen sich nur einen Spalt öffnen, nicht ganz aufklappen – ihr war wichtig, dass sich das Verborgene nur subtil zeigt. In der Assoziation ist die Muschel, die die Perle hervorbringt, nicht ganz fern; diese Arbeit ist als Brosche zu tragen. Im anschließenden Stück wollte die Schmuckkünstlerin schließlich das Sich-Entfalten, das Klappbare abbilden: Eine in Silber dargestellte, comicartig stilisierte Perlenkette offenbart sich beim Aufklappen der zwei Halbschalen und tritt hervor. Das verschließbare Objekt – in der äußeren Gestaltung durch den Verschluss einem Portemonnaie nahe – überrascht mit einem unerwarteten Inneren, das sich dreidimensional entfaltet. Im Ergebnis des Stipendiums sind drei Gruppen von je zwei Arbeiten entstanden, die neue Facetten und Ausprägungen der Arbeit der Schmuckkünstlerin hervorbringen.
reine formsache
Christine Matthias arbeitet im Grenzbereich zwischen Schmuck und Objekt. Auch diese Broschen bewegen sich als eine Art Behältnis in diesem Bereich. Die Schmuckkünstlerin hat intensiv mit Silberschmied-Techniken experimentiert und sich hierbei an großformatige Arbeiten gewagt, die nicht zwingend Schmuck sein müssen oder sollen: reine Formsache eben. Der Prozess, Stücke dieser Größe manuell zu erarbeiten, ist sowohl material- als auch zeitintensiv. Sie befasste sich thematisch mit dem "erhabenen Relief", ein Konzept, das sie ausschöpfen und in größere Formate transponieren wollte.
Identifikation und Abstand
Die Großmutter der Künstlerin war eine der letzten Frauen in Niedersachsen, die noch täglich eine Tracht trug – Zeichen der Identität, der Verwurzelung in einem Milieu, einer Region. Ein Brustschild, das Teil ihrer bäuerlichen Festtagstracht war, die so genannte Spange, befindet sich im Eigentum der Familie: Achteckig im Umriss, versehen mit den Initialen der Besitzerin, versilbert, vergoldet, mit Glassteinen reich verziert, erstmals getragen zur Konfirmation – ein Schmuckstück also, das eine Geschichte hat und mit Bedeutung aufgeladen ist, wie es einem heute kaum mehr begegnet. Es gehört in eine Zeit, in der es zumeist noch Sicherheit durch einen fest umgrenzten, klar vorgezeichneten Lebensentwurf gab, der selten infrage gestellt wurde. Christine Matthias’ Broschen, die in der Form auf dem Schmuck ihrer Großmutter basieren, repräsentieren eine völlig andere Realität – ihre eigene, zwei Generationen später: Ihre Brustschilde aus edlen und unedlen Materialien sind ohne Signen, die auf die Herkunft verweisen, sind beschädigt, die Zentren leer, manche davon sind lose übersponnen, überschrieben – Symbole für Lebensläufe, die selbst entworfen, selbst gestaltet werden wollen, Symbole für die scheinbare Macht alles werden, aber auch alles verlieren zu können, Symbole auch für die große Verlorenheit und Desorientiertheit wegen der schier unbegrenzten Wahlmöglichkeiten.
Nachgetragen
Die Arbeiten der Künstlerin zeichnen sich durch Subjektivität ohne
Anpassung an aktuelle Moden und gängige Klischees aus. In ihrem Arbeitsstipendium
hat Christine Matthias Schmuckstücke für drei Personen aus ihrer Kindheit und
Jugend angefertigt; deren Lebenswege und die Beziehung, zu der die Künstlerin
mit diesen Personen stand, sind in die Arbeit eingeflossen. In der persönlichen
Auseinandersetzung mit den Kriegs- und Nachkriegsbiografien ging es ihr in
erster Linie um die veränderte Sichtweise auf die Dinge und um eine
nachträgliche Würdigung. Diese wird durch das Medium Schmuck zum Ausdruck gebracht.
Für ihre Tante fertigte Christine Matthias ein zartes silbernes Armband und
eine einen Halsschmuck aus einer Art Doppelösen, die ineinandergreifen und eine
geschmeidige, fließende Kette bilden. Freihängende Saphirstränge verleihen dem
Stück spielerische Bewegungen. Die Dame mit dem Dackel hingegen erhielt einen
üppigen Halsschmuck und eine Brosche, die an Polstermöbel erinnern und eine
dominante und dramatische Ausstrahlung besitzen. Für Karl fertigte die Künstlerin
ein bewegliches Objekt, welches die Assoziation an ein Taschentuch mit Umrandung,
Stickerei und Initialen hervorruft, und verwarb damit mehrere Erinnerungen und
autobiografischen Details an ihn. Die entstandenen Stücke sind vor allem eins:
Eine Widmung, da sie nicht mehr von den ausgewählten Personen getragen oder in
Empfang genommen werden. Die Arbeitsergebnisse präsentierte Christine Matthias in der Ausstellung
„Halbzeug“ im November 2010 zusammen mit Sybille Richter und Ann Schmalwaßer im
Mansfeld Museum Hettstedt.
1969 in Celle geboren | 1992 – 1996 Studium an der Fachhochschule für Kunst und Design Hannover Studienrichtung Innenarchitektur, davon 1995 ein Auslandssemester am Politecnico Milano | 1996 – 2002 Studium an der Burg Giebichenstein – Hochschule für Kunst und Design Halle Studienrichtung Schmuck | 2001 Prämierung beim Wettbewerb »Schmuck für Novalis«, Oberwiederstedt | 2002 3. Preis beim Nachwuchsförderwettbewerb der Berta Heraeus und Kathinka Platzhoff Stiftung, Gesellschaft für Goldschmiedekunst Hanau | 2003, 2005, 2006 2009, 2011, 2018, 2022 Einzelausstellungen in der Galerie Marzee, Nijmegen/Niederlande, ebenso 2008 sowie Auszeichnung mit dem Marzee-Preis | Ausstellungsbeteiligungen u. a. 2008 bei der Comune di Padova/Italien, 2009 KORU3 International Contemporary Jewellery, Imatra/Finnland und 2011 im Marijke Studio, Padua/ Italien | 2010 3. Platz beim Wettbewerb zur Neugestaltung eines Sarges für die Grablege der Königin Editha im Dom zu Magdeburg, ausgeschrieben durch die Kunststiftung | 2015 Grassipreis der Sparkasse, GRASSI Museum für Angewandte Kunst | 2017 Artist in Residence der Stiftung | lebt seit 2002 als freischaffende Schmuckkünstlerin in Halle (Saale)
Stand: September 2026
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