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Milky Poems

Seit der Geburt ihrer ersten Tochter im Dezember 2020 beschäftigt sich Wiebke Kirchner intensiv mit der künstlerischen Auseinandersetzung des Prozesses der Mutterschaft und ihrer diversen Facetten. Besonders die eindrückliche Erfahrung des Stillens inspirierte sie nachhaltig, da sich diese ursprüngliche, nährende Handlung durch alle Generationen der Menschheit zieht.
Um ihren Blick über die eigenen Stillerfahrungen hinaus zu weiten, führte sie Gespräche mit anderen Müttern über deren Erlebnisse und begab sich auf kulturhistorische Spurensuche. Laktationsdarstellungen sind im Museum zuweilen zu finden, seltener jedoch in den zeitgenössischen Medien. Eine digitale Spurensuche durch den Einsatz von KI-Bildgeneratoren und Internetrecherche zeigte ihr, dass nur wenige Darstellungen der emotionalen, körperlichen und psychischen Erfahrung gibt.
Während des Arbeitsstipendiums begann sie einen neuen Werkkomplex von bildnerischen Wandobjekten, die verschiedene Facetten der Laktation in den Fokus nehmen. Ausgehend von ihrer bisherigen Arbeitsweise arbeitete sie mit Methoden des Collagierens und ihrem Materialkanon Papier, Holz, Folie und Fundstücke. Jedoch führte sie auch mehrere Neuerungen in ihrer Arbeitsweise ein, etwa den Einsatz eigener Muttermilch als künstlerisches Material in Verbindung mit Epoxidharz sowie lyrische Experimente für die Titelfindung.
In „The face sprinkled with milk“ reflektiert Wiebke Kirchners die eigene positive Stillerfahrung. Sie empfand das Stillen als eine Superkraft und ihre Muttermilch als einen Zaubertrank. Dieses Gefühl der Stärke wurde durch die Vorstellung verstärkt, mit der Kraft aller stillenden Frauen der Generationen vor ihr und somit mit einer Art Muttergottheit verbunden zu sein.
„Despite the pain“ reflektiert die Erfahrungen einer Mutter, die zwei Kinder hatte und beide etwa zwei Jahre lang stillte, da sie überzeugt war, dass Muttermilch das Beste für ihre Kinder sei. Sie litt jedoch unter großen Schmerzen beim Stillen, da sie unter dem Raynaud-Syndrom litt. Gleichzeitig hatte sie mit übergriffigen Kommentaren aus ihrem sozialen Umfeld zu kämpfen, weil sie länger als ein halbes Jahr stillte. Trotz der Schmerzen fand sie innere Ruhe und Kraft durch ihre Überzeugungen und in ihrer Rolle als Beschützerin ihres Babys.
Die Arbeit „A missing part“ beschäftigt sich mit den bereits 40 Jahre zurückliegenden Erfahrungen einer Mutter, die ihre Kinder in der DDR zur Welt brachte. Ihr erstes stillte sie nur sehr kurz, da sie ihr Studium nicht lang unterbrechen wollte, ihr zweites Kind wollte sie lange stillen. Kurz nach der Entbindung wurde ihr jedoch wenig einfühlsam mitgeteilt, dass sie aufgrund einer Erkrankung ein starkes Antibiotikum einnehmen musste und daher nicht stillen durfte.
Intention der „Milky Poems“ war, die sozialen und emotional-persönlichen Facetten des Stillens künstlerisch zu erfassen und die oft marginalisierten Erfahrungen stillender Mütter Sichtbarkeit zu verleihen. Besonders betroffen machten Wiebke Kirchner die Diskriminierungserfahrungen und die soziale Abwertung gegenüber Müttern mit von der Norm abweichenden Stillerlebnissen. Ziel der Arbeiten ist es, den Dialog über diese gesellschaftlichen Normen stillender Frauen anzuregen.



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