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unfolding textile industries

Johanna Stella Rogalla recherchierte über historische und zeitgenössische Textilindustrien in Mitteldeutschland. Ihr besonderes Interesse galt den verwendeten Materialien, insbesondere Wolle, Baumwolle, Leinen, Seide und Kunstseide, sowie ihrer jeweiligen Wertschöpfungskette.
Wolle wurde früher in Wollzentren wie z. B. Forst (Lausitz) verarbeitet. Eine regionale Wiederbelebung zeitgenössischer Wollproduktion ist der Verein „Alte Spinnerei und Tuchfabrik“ in Lengenfeld. Dort werden Kleinstmengen Rohwolle zu Garnen. Baumwolle wurde in der Leipziger Baumwollspinnerei verarbeitet – heute ist sie ein Ort für Galerien und Kunstschaffende. Kontinuierlich in der mitteldeutschen Textilproduktion ist Leinen: Die Leinenweberei Hoffmann in der Oberlausitz gibt es seit über einem Jahrhundert und hat politische und wirtschaftliche Umbrüche überlebt. Spuren einstiger Seidenproduktion sind noch heute in den Straßenbildern an einigen Orten, so auch in Halle und Leipzig durch alte Maulbeerbaumbestände sichtbar. Industriell wird sie noch in der Seidenmanufaktur Eschke in Crimmitschau verwebt, eine Seidenraupenzucht gibt es auf Gut Zernikow in Brandenburg. Die Faser der Kunstseide steht für eine chemische Produktion, die auch in Bitterfeld-Wolfen maßgeblich entwickelt wurde. Vermittelt wird diese im Film- und Fasermuseum in Bitterfeld-Wolfen. Heute befindet sich an diesem Ort eine der größten Altkleider- und Textilsortieranlagen in Europa.
Jedes dieser Materialien und Produkte hat eine eigene Geschichte. So wurden Baumwolle und Schurwolle teils von weither zu den weiterverarbeitenden Fabriken nach Mitteldeutschland gebracht, deren Produkte international vermarktet wurden. Die Arbeitsbedingungen zur Herstellung der Textilien waren oft menschenunwürdig, sowohl in Deutschland als auch bei den Rohstoffproduktion (Sklaverei in Amerika). Der Import von Schurwolle bereits vor Ende des 19. Jahrhunderts führte wiederum dazu, dass Wissen um die Garnherstellung verloren ging.
Um die vielschichtige Geschichte erahnen zu lassen, schuf Johanna Rogalla eine textile Installation. Um bei den Geweben Räumlichkeit zu erzeugen, wurden in einem mehrlagigen Jacquardgewebe Kunst- und Naturseide zu einem halbtransparenten Karomuster kombiniert. Durch gezielte Einschnitte in einzelne Lagen des Gewebes entsteht Räumlichkeit und im Inneren verborgene Schichten werden durch Auffalten sichtbar. Bei der Installation werden die Stoffe so aufgehangen, dass die Besucherinnen in sie hineingehen können, um möglichst viele Blickwinkel und unterschiedlich miteinander verwobene Qualitäten erfahren zu können. Durch die Mehrlagigkeit und die unterschiedlichen Garnqualitäten entstehen optische Moiré-Effekte. Je nach Lichtsituation ändern sich auch der Glanz der Kunstseide oder das Schattenspiel des großflächigen Karomusters. Die Installation verwebt die Geschichten von unterschiedlichen Orten und Zeiten der Textilproduktion und lässt Raum für eigene Interpretationen und ästhetische Wahrnehmung.



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