Von Anton bis Zylinder – Halle-Neustadt und zurück

Mike Okays Projekt begann mit dem Wunsch, seine künstlerische Auseinandersetzung mit Kindheits- und Jugenderinnerungen in der DDR sowie der Umbruchszeit nach der Wiedervereinigung weiter zu vertiefen. Er kehrte an die Orte seiner Kindheit in Halle-Neustadt zurück, ließ Gerüche, Geräusche, das Geschehen auf sich wirken und schrieb all das auf – tagebuchartig, roh, direkt, ohne Umwege.
Diese Texte wurden zu einer Art Fundus – nicht für eine lineare Nacherzählung, sondern für ein visuelles Echo. Aus dieser intensiven Rückkehr in seine Erinnerungslandschaft entstanden zwölf neue Arbeiten auf Leinwand, von kleineren Formaten bis hin zu großflächigen Bildern. Doch es sind nicht klassische Erinnerungsbilder geworden, sondern Andeutungen, Fragmente, Erzählfetzen. Die Betrachtenden sind eingeladen, die Geschichten weiterzudenken, ihre eigenen Erfahrungen hineinzulegen.
Besonders intensiv war für Mike Okay das ständige Spannungsfeld zwischen Ost und West, das sich in vielen Bildern zeigt – nicht plakativ, sondern beiläufig, wie in der Realität seiner Kindheit. Das blaue Pionierhalstuch neben der Opelkette. Die Club Cola neben einem Paar Adiletten. Die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von Herkunft und Gegenwart, von Prägung und Wandel.
In der künstlerischen Umsetzung verließ er sich zum größten Teil auf seinen inneren Farbraum der frühen 1990er Jahre: Türkis, Lila, Rosa, Himmelblau – Farben, die für ihn mit Aufbruch, Unsicherheit, Hoffnung und Rebellion verbunden sind. Technisch lehnte er sich wegen der Unmittelbarkeit stark an die kindliche Direktheit von Buntstiftzeichnungen an. Er kombinierte sie Graffiti-Elementen, wobei er die klassische Sprühdose durch Airbrush ersetzte. Diese Mischung aus kindlicher Ästhetik und jugendlicher Expressivität stellte sich für ihn als stimmiger Ausdruck des Schwebezustands zwischen Vergangenheit und Gegenwart heraus.
Die Arbeiten sind nicht nur ein Blick zurück, sondern auch ein Beitrag zur kollektiven Erinnerungskultur. Mike Okays Geschichte steht stellvertretend für viele, die sich in diesen Wendejahren zwischen Systemen, Sehnsüchten und Selbstfindung bewegt haben. Es geht um Erfahrungen, die oft übersehen werden – um Kindheit in einer Zeit, in der sich die Welt neu sortierte.
Einige der Werke wurden von Gedichten begleitet. Sie erzählen keine abgeschlossenen Geschichten, sondern öffnen Türen, lassen Zwischenräume entstehen. In ihrer Form ähneln sie eher Tagebucheinträgen oder stillen, heimlichen Beobachtungen – Momentaufnahmen, die nicht beschreiben, sondern das Bild atmosphärisch vertiefen. Wie ein leiser Ruf aus dem Off gleiten sie ins Bild – schützend, fast unbemerkt.
