HEIMATSTIPENDIUM #3

Zum dritten Mal ermöglicht die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt Künstlerinnen und Künstlern mit dem zwölfmonatigen HEIMATSTIPENDIUM den Zugang zu Museen und Bibliotheken in Sachsen-Anhalt. Während dieser Zeit können sie sich intensiv mit den Sammlungen befassen, die Bestände erkunden und in den Archiven verborgene Schätze entdecken. Davon inspiriert sollen neue Werke entstehen, die das kulturelle Erbe reflektieren.
Sowohl in den Städten als auch im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts lagern interessante Sammlungen, die weitgehend unbekannt sind, auch wenn sie zum nationalen Kulturgut gehören. Die Kunststiftung gibt diesen die Möglichkeit, sich der zeitgenössischen Kunst zu öffnen. Damit soll ein neues Publikum angelockt und öffentliches Interesse geweckt werden.
Mit diesem Stipendium möchte die Kunststiftung Künstlerpersönlichkeiten ansprechen, die sich ihren Projekten während des HEIMATSTIPENDIUMS mit Verve und hoher Kommunikationsfreude widmen. Denn: Es sollen nicht nur Kunstwerke entstehen, sondern auch für ein breites Publikum – gemeinsam mit den Museen – partizipative Angebote entwickelt werden. Verborgene Potenziale können so aufgedeckt, die Besonderheit der Sammlungen sichtbar gemacht und die Öffentlichkeit für die Schätze in der Nachbarschaft sensibilisiert werden.
Folgende Kunstschaffende wurden für das Programm „HEIMATSTIPENIUM#3“ ausgewählt:
Valena Ammon (Bildende Künstlerin/Designforscherin) im Kulturhistorischen Museum Magdeburg:
Die freiberufliche Künstlerin und Designerin Valena Ammon (*1989 in Luzern) studierte Industrie- sowie Produktdesign/Keramik- und Glasdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2025 mit dem Sächsischen Staatspreis „Vision Award“. Sie erhält das Stipendium für das Kulturhistorische Museum Magdeburg. Es vermittelt Kultur, Geschichte und Stadtentwicklung Magdeburgs und Sachsen-Anhalts. Die Dauerausstellung zeigt die 1.200-jährige Stadthistorie, den „Magdeburger Reiter“, Kunst von der Antike bis zur Belle-Époque und die Schulgeschichte. Besondere Sammlungen, wie über 20 Gebetsteppiche aus dem Osmanischen Reich, stammen aus der Gründerzeit und bieten verborgene Schätze.
Seit jeher pflegen wir Menschen Beziehungen zu Pflanzen. Diese haben uns schon immer genährt, gekleidet, geheilt, Unterschlupf geboten und uns erfreut. Es verwundert also nicht, dass Pflanzen und Blumen viele Artefakte unserer materiellen Kultur zieren. Sie zeugen von der menschlichen Auseinandersetzung mit Landschaft und Flora, Gegenwärtigem und Heimischem. Die Künstlerin spannt in ihrem Vorhaben einen grünen Faden durch die Historie und untersucht, wie Pflanzen helfen (können), heimisch zu werden. In interaktiven Formaten mit Besuchenden werden Pflanzengeschichten in Form von Interviews und gemeinsam erarbeiteten Objekten gesammelt – mit besonderem Fokus auf migrantische Perspektiven. In ihrer künstlerischen Forschung, in Kollaboration mit dem Museum, dem Archiv und anderen Institutionen soll ein Geflecht aus Geschichten und Objekten (audio(-visuellen) Interviews, keramischen und textilen Werken) entstehen, das eine Kultur der Empathie und Verbundenheit gegenüber Land und Leben zeigt.
Manon Klein (Keramikerin/Glaskünstlerin) im Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg:
Manon Klein (*1996 in Lübeck), studierte Produktdesign an der Hochschule Wismar, anschließend Produktdesign/Keramik- und Glasdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Die freiberufliche Künstlerin ist Mitbegründerin des kollektiven Ateliers mud club* in Halle sowie des Labels trinket obj. Sie wurde u. a. mit dem Förderpreis der Zeughausmesse Berlin ausgezeichnet und 2025 für den German Design Award Newcomer nominiert. Ihr Projekt realisiert sie im Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg, das etwa 50.000 Objekte von der Urgeschichte bis zur Gegenwart aufbewahrt. Gezeigt werden Exponate zu Schloss, Stadt und Region. Ein Schwerpunkt bilden Glasperlenarbeiten in den Techniken Häkeln, Sticken, Fädeln und Jacquard-Weben vom 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert, von Biedermeier bis Art Déco.
Die Sammlung antiker Glasperlenobjekte des Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg bildet den historischen Ausgangspunkt des Projekts. Die Glasperlenobjekte aus dem 19. bis frühen 20. Jahrhundert erzählen neben ihrer ornamentalen Funktion von handwerklicher Präzision, industrieller Entwicklung und ästhetischem Wandel. Die ausgestellten Objekte dienten nicht nur dem Schmuck des Körpers, sondern auch der Ausstattung des Wohnraums. Als Keramikerin und Glasdesignerin interessiert sie in ihrem Projekt „beaded objects“ die Verbindung von Zierde und Funktion, die sie in den zeitgenössischen Kontext von Raumobjekten wie Leuchtern, Bildern, Tischobjekten, Rahmen oder Möbeln überträgt. Dabei fasziniert sie vor allem das Zusammenspiel verschiedener Materialien, das Spiel mit Proportionen, Arretierungen und Mustern, sowie die nötigen Materialstudien zur Herstellung eigener Perlenelemente, aus denen die finalen Objekte gefertigt werden. Sie möchte erarbeiten, wie aus vielen wiederholten Einheiten in verschiedenen Reihungen – wie bei den historischen Perlenarbeiten – größere Formen und andere Flächen gestaltet werden können.
Christoph Liedtke (Bildender Künstler/Literat) in der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek, Lutherstadt Wittenberg:
Der vielseitige Künstler, Musiker und Autor Christoph Liedtke (*1985 in Saalfeld) studierte nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer freie Kunst, Plastik und Keramik an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Er veröffentlichte Gedichtbände, betreibt den YouTube-Kanal Rhizom Halle-Leipzig, ist Mitglied der NoWave-Band Klinke, realisiert Videoperformances und eine Kunsttalkshow. Seine Arbeiten wurden u. a. in Bonn, Berlin und Leipzig ausgestellt. Das HEIMATSTIPENDIUM erhält er für die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek im historischen Schlossensemble Wittenbergs, die etwa 230.000 Bände umfasst. Besondere Schätze sind Luther-Bibeln, Wiegendrucke, Handschriften und illuminierte Werke aus dem Mittelalter.
Eine Aufgabe der Kunst ist es, zu erinnern, um uns selbst besser zu begreifen und unsere Geschichte durch die Kunst fortzuschreiben. Etwas mitzunehmen, aus dem wir uns entwickelt haben. Im engen Austausch und in Absprache mit dem Museum möchte der Künstler das Interieur der Bibliothek als Denkraum erweitern. Die Arbeit des Malers und Grafikers führt dabei zu einer Recherche von Zitaten, Geschichten und Bildmaterialien, auf denen die entstehenden Werke basieren werden. Aus dieser Inspiration möchte er malerische Arbeiten oder arrangierte, repräsentative Objektkästen entwickeln – dabei sollen geschriebenes Wort und Bild miteinander verwoben werden. Das Alte ist vergangen – aber wie kann man das Schöne darin wieder zum Leben erwecken? Was sendet einen neuen Gruß aus der Tiefe in die Zukunft? Was vermittelt, dass die Arbeit an der Geschichte auch Arbeit an der Zukunft ist? Als Begleitprogramm plant der Maler und Grafiker Künstlergespräche, Vorträge, Führungen und Lesungen – im Zusammenspiel von Kunst, Wissenschaft und Religion.
Jan Thomas (Bildhauer) im Jahn-Museum, Freyburg (Unstrut):
Jan Thomas (*1970 in Salzgitter) studierte nach einem Lehramtsstudium Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Er wurde mit Stipendien in Paris und Athen gefördert und erhielt zahlreiche Preise, darunter den Halleschen Kunstpreis sowie den Kunstpreis der Stadt Schwetzingen. Seine Werke werden in Museen, Galerien und im öffentlichen Raum in Deutschland und international präsentiert. Während seines HEIMATSTIPENDIUMS widmet er sich dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn. Dieser prägte die Turnbewegung und die frühe deutsche Nationalbewegung. In Freyburg dokumentieren Jahns Wohnhaus, Ehren- und Erinnerungshalle sein Leben, seine Turnkunst und seine Ideale. Das Museum zeigt rund 15.000 Objekte, darunter historische Turnerfahnen, Trophäen und eine umfangreiche Bibliothek.
Unter dem Titel „We are the champions“ entsteht eine keramische Wandinstallation aus kleinformatigen, teils farbig glasierten Plastiken. Dargestellt sind Fragmente von Sportarten und -geräten, Sportler in Aktion sowie charakteristische Handzeichen und Gesten. Die Gestaltung nimmt Bezug auf Stifterfenster und Banner und verbindet symbolisch Spielerisches, Gemeinschaft und Gegenwart. Als Standort ist die Stirnseite der Ehrenhalle oder ein Abschnitt der Stadtmauer vorgesehen. Ergänzend dazu soll die Arbeit Schwingel – Unicorn entstehen: ein bis drei silberne Einhörner aus Bronze mit Palladium oder Aluminium, auf deren Rücken „turnende“ Hände positioniert sind – eine Referenz auf das originale Turnpferd Schwingel. Die Skulptur steht sinnbildlich für eine demokratische Rezeption des Jahn’schen Erbes: für Freiheit, Toleranz, Pluralismus sowie für Fantasie, Kraft, Glück und Modernität. Vorgesehen ist ein ebenerdiger Standort auf einer Grünfläche vor der Ehrenhalle oder vor dem Museum. Während des Stipendiums sollen Workshops stattfinden. Der Künstler hat dazu mehrere Ideen im Antrag skizziert.
Simone Trieder (Schriftstellerin) im Gottfried-August-Bürger-Museum, Molmerswende:
Die Autorin Simone Trieder (* 1959 in Quedlinburg) arbeitet seit 1992 freiberuflich als Autorin, u. a. für Theater und Hörfunk. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher zu zeit- und kulturhistorischen Themen, wurde mehrfach ausgezeichnet und international nominiert. Sie erhält das Stipendium für das Museum im Geburtshaus Gottfried August Bürgers in Molmerswende, wo der Dichter der Münchhausen-Erzählungen gewürdigt wird. Eine Dauerausstellung vermittelt sein Leben und seine Werke sowie die Literatur der Aufklärung und des Sturm-und-Drang-Zeitalters. Pfarrhaus, Kirche und Garten bilden ein beschauliches Ensemble.
Es ist die Abgelegenheit des Ortes, die die Autorin reizt, und der Wunsch, mit den Bürgerenthusiasten vor Ort in Kontakt zu kommen. Dann der Pfarrerssohn selbst, der sie als Pfarrerstochter besonders interessiert – beide schreiben, was in diesen Häusern nicht selten ist, in denen gewöhnlich viele Bücher nicht nur stehen, sondern auch gelesen oder neu geschrieben werden. Dazu kommt Bürgers Münchhausen-Übersetzung und Weiterdichtung – der Spaß am Nonsens, an verklausulierter Gesellschaftskritik, an Sprachspielen. Gemeinsam mit dem zuständigen Pfarrer und seinen „Schafen“, also den Gemeindemitgliedern, möchte die Autorin etwas schaffen: ein Theaterstück zu Münchhausen oder zu Bürgers dramatisch-tragischer Liebesgeschichte mit den beiden Schwestern. Begleitend schwebt ihr ein „Molmerswender Poesiealbum“ vor, in dem sie ihre Eindrücke oder ihre „Lügen“ mit jenen der Molmerswender vermischt.
Jolanda Zürcher (Grafikerin) im Schuhmuseum, Weißenfels:
Jolanda Zürcher (*1998 in Konstanz) studierte Buchkunst, Grafikdesign und Illustration an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit 2020 arbeitet sie selbstständig für Verlage, Museen sowie für verschiedene Kinder- und Kulturprojekte. Ihre Arbeiten werden regelmäßig in Ausstellungen, auf Illustrationsfestivals und Kunstmärkten gezeigt. In der Sammlung des Schuhmuseums befinden sich rund 8.000 Paar Schuhe: barocke Exponate, DDR-Modelle, Prominentenschuhe und außergewöhnliche Designs von allen Kontinenten. Technische Anlagen, Maschinen und Entwürfe dokumentieren die Industrie-geschichte der Stadt, die einst größter Schuhproduzent Europas mit 30.000 Beschäftigten war.
Inspiriert von den Archiven des Schuhmuseums will die Designerin und Illustratorin verborgene Schätze außerhalb der Dauerausstellung sichtbar machen. Im Fokus ihrer Arbeit steht der Schuhkarton als Medium: Sie nutzt ihn als Leinwand, interpretiert und gestaltet ihn neu und gibt auch Schuhen, die nie einen Karton hatten, eine Verpackung. Die Gestaltung der Kartons nimmt neue Aspekte des Themas der Sammlung auf und erzählt unter anderem die Geschichte des einzelnen Schuhs, der Zeit sowie seiner Trägerinnen und Träger. Im partizipativen Angebot, einem Kooperationsprojekt mit der Autorin Susanne Freiwald, steht ebenfalls die Arbeit mit dem Schuhkarton im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Kindern und Erwachsenen werden kleine historische Räume und so ein Museum im Museum entstehen erschaffen.
Weiterführende Informationen zu den teilnehmenden Museen und Bibliotheken:
- Rückblick auf das Heimatstipendium#1 und #2: heimatblog


Das Schuhmuseum in Weißenfels
Schuhe und Weißenfels – das gehört zusammen! Kein anderer Industriesektor hatte in Weißenfels eine größere Bedeutung als die Schuhproduktion. Einige Zeit der größte Schuhproduzent in Europa mit rund 30.000 Beschäftigten, versank die Schuhproduktion in den 1990er Jahren in der Bedeutungslosigkeit.


Das Gottfried-August-Bürger-Museum in Molmerswende
Im kleinen Harz-Dörfchen Molmerswende im Landkreis Mansfeld-Südharz liegt das Gottfried-August-Bürger-Museum. Es ist das einzige, das sich dem Dichter der Münchhausen-Erzählungen widmet, der in den Epochen der Aufklärung sowie des Sturms und Drangs wirkte. Ebenso schrieb er Balladen und Liebesgedichte und schöpfte über 1.000 neue Worte. „Walddurchflochten“ oder „Fernhintreffer“ sind Beispiele.


Das Kulturhistorische Museum in Merseburg
Die Sammlung des Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg wurde 1906 vom Verein für Heimatkunde begründet. Heute werden rund 50.000 Objekte und Konvolute von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart im Merseburger Schloss, das sich direkt neben dem Dom befindet, bewahrt und ausgestellt.


Das Jahn-Museum in Freyburg
Der als „Turnvater“ bekannte Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) war Pädagoge, Publizist und Politiker, wurde verehrt in unterschiedlichen politischen Systemen und ist geschätzt bis heute – bei Straßenbenennungen rangiert er nach Goethe in Deutschland auf Platz zwei. Jahn, dessen von ihm initiierte Turnbewegung mit der frühen Nationalbewegung verknüpft war, ist bis heute eine der umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte.


Das Kulturhistorische Museum in Magdeburg
Das Kulturhistorische Museum Magdeburg ging aus dem ehemaligen Kaiser-Friedrich-Museum hervor und befindet sich in dem historischen Gebäude, das im Jahr 1906 seine Tore öffnete. Zusammen mit dem Museum für Naturkunde bietet es als Zweispartenhaus vielfältige Einblicke in Kultur, Geschichte, Landschaft der Landeshauptstadt Magdeburg und Sachsen-Anhalts. Ergänzt wird das Angebot durch Sonderausstellungen, die sich jeweils besonderen kulturgeschichtlichen oder naturkundlichen Themen widmen.


Die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek in Wittenberg
Für Bibliophile ein Paradies: die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek, in der 2018 die Bibliotheksbestände des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg und des Lutherhauses der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt vereint wurden. Etwa 230.000 Bände vor allem aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sowie moderne Forschungsliteratur über die Zeit der Reformation und die Wittenberger Universitätsgeschichte finden sich hier.
